Samstag, 27. Juni 2026
Der Tag vor dem Abflug ist verflogen. Noch etwas arbeiten. Dann ist spontan eine intensive Behördenkommunikation notwendig und das am Freitagnachmittag. Der eine Teenager benötigt am Nachmittag kurzfristig ein paar neue Schuhe, der andere kann die eine essentielle Hose für den Flug nicht finden. Danach verschwindet er mit den Kumpels zu einem Horrorfilm ins Kino und packt danach fertig. Turbel bis zur letzten Minute, also alles wie immer. Dazu hat es draußen 39 Grad, die Nacht ist tropisch und deshalb nicht nur kurz, weil der Wecker um 5 Uhr ging.
Kurz nach 6 Uhr sind wir unterwegs, kurz nach 7 Uhr biegen wir am Parkhaus vom Terminal 3 ein und zuckeln mit dem neuen Shuttle - der sich so garnicht neu anfühlt, sondern ziemlich ruckelt - zum Terminal 1. Nochmal zum Schalter zum Boarding Pass holen, weil die Website von Aircanada gezickt hat, und dann haben wir noch zwei Stunden Zeit bis zum Flug. Wie gut, dass Aircanada ein ganz eigenes Unterhaltungsprogramm bietet ... Erste Durchsage: Der Flug ist ziemlich voll, deshalb bitte Handgepäck wenn möglich auch noch abgeben. Pause. Nächste Durchsage, auf Englisch: Der Flug nach Vancouver ist gestrichen. Nur dieser Satz, mehr nicht. Alle schauen sich verwirrt um, Hektik bricht aber keine aus. Pause. Dritte Durchsage. Der Flug nach Vancouver ist überbucht. Es kommen nicht alle mit. Wer also zeitlich flexibel ist, möge sich melden und mit Entschädigung später fliegen. Und, äh, ups, die Durchsage vorhin war natürlich falsch, der Flug findet statt. Und schon sind die zwei Stunden um.
Auch die zehn Stunden Flug vergehen einigermaßen schnell. Das beste Filmprogramm, das wir je an Bord hatten. Nicole kann die oscar-nominierte Dokumentation "Come see me in the good light" sehen, die es in Deutschland nie ins Kino schaffen wird. Gerald und Kilian können auf ihren Monitoren zusammen Schach spielen. Louisa, also die-die-sonst-nie-müde-ist, schläft stundenlang. Durchgehend abgedunkelte Fenster, einigermaßen schmackhaftes Essen. Zwischendurch schöne Ausblicke auf Grönland. Obwohl ständig vor Turbulenzen gewarnt wird, gleiten wir ziemlich ruhig dahin.
Der Flughafen von Vancouver ist luftig gebaut mit viel Glas und Holz, indigene Holzskulpturen und kleine Aquarien dazu. In einer Ecke steht ein Klavier und wird auch genutzt. Sehr schön. Bei der Einreise ist ziemlich viel los, bis wir durch sind, kreisen schon unsere Koffer. FIFA ist schon überall, das Flughafenpersonal trägt entsprechende Schals, die Monitore blinken in den entsprechenden Farben. Ein ausgesprochen schweigsamer Inder bringt uns zum airbnb. Da wegen der WM in der Innenstadt nichts mehr zu finden war, ist unsere Ferienwohnung in Nord Vancouver - was in echt deutlich weiter weg von allem ist, als es auf der Karte gewirkt hatte. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde, das Wohngebiet ist schön grün, hübsche Holzhäuschen, sehr entspannt. Um 13 Uhr - deutsche Zeit 22 Uhr - sind wir in unserem airbnb im Souterrain eines Familienhauses und brauchen erstmal dringend ein Nickerchen.
Kurz vor 15 Uhr sind wir wieder unterwegs und machen Strecke. Lonsdale liegt am Hang und ist sehr weitläufig. Ein äußerst gepflegter Flecken Vancouver. Die Restaurants an den Straßen sind sehr arabisch geprägt und natürlich läuft überall gerade die WM. Es wurde entlang des Weges auch wieder Holzbänke und Schirme aufgestellt, die ausdrücklich dazu einladen, dass man sich niederlässt und Zeit verbringt. Ziel ist "Kims Cafe", von der Reiseleitung vorab ausgewählt. Ein sehr kleiner Laden mit einer sehr motivierten Besitzerin, vermutlich Koreanerin. Zumindest gibt es leckere koreanische Speisen (Kilian und Nicole) und frische Sandwiches (Gerald und Louisa), dazu witzigerweise Limo von San Pellegrino, die wir daheim auch immer holen. Danach geht es weiter bergab Richtung Wasser. Irgendwie will niemand auf das Festival "Verkehrsfreie Straße" gehen, auch wenn dort schon die Musik spielt. Seltsam.
Der Hafenbereich ist rausgeputzt und gut besucht, der Blick geht teilweise nach Downtown Vancouver und vor allem auf den wenig idyllischen riesigen Containerhafen. Wir verschaffen uns einen Überblick über die Foodhall und brauchen eine Weile, um den Ticketerwerb für die Fähre zu verstehen. Für insgesamt 11 Dollar, das sind etwa sieben Euro, kreuzen wir auf die andere Seite. Der Seabus ist eine sehr pragmatische Geschichte für Pendler, also kein Schnickschnack wie Außenbereich für die touristische Sicht. Schließlich stehen wir in Gastown, das ist der Bereich, der einer Altstadt am nähesten kommt. Aber der Jetlag fällt uns langsam auf den Kopf.
Zwischen den Hochhäusern sind die Straßenzüge an einem warmen Samstagmittag eher verlassen (wie in London im Bankenviertel), bloß die Obdachlosen sind noch da. Es gibt das übliche Energiegefälle in der Reisegruppe: Nicole schnuppert weite Welt und will erkunden, die anderen drei wollen nur ins Bett. Für uns ist ja schon mitten in der Nacht. Ein Fancorso der Kroaten zieht vorbei, während ein Abschleppwagen den Fanwagen einer anderen Nation abschleppt, weil er illegal geparkt hatte. Selbst im Supermarkt läuft WM. Wir kaufen im IGA noch Frühstück ein, laufen wenigstens am WM-Stadion vorbei - verlassen, weil das nächste Spiel erst am Donnerstag angesteht - und rufen ein Uber.
Der weiße Tesla Model Y gleitet sanft durch die Straßen, darunter auch durch den berüchtigten Osten, Hastings. Dort gleichen die Straßenzüge einem Kriegsgebiet, verlassene Häuser, Menschen wohnen in Zelten auf der Straßen, Drogenabhängige liegen auf dem Boden. Kein ungewöhnliches Stadtbild in Nordamerika übrigens, auch wenn das uns Europäer immer ziemlich verstört. Das Gebiet galt schon in den 1980ern als Problemzone mit der höchsten HIV-Rate in der westlichen Welt und irgendwie hat sich seitdem wenig getan, auch wenn ein ganzer Schwarm Sozialarbeiter angestellt wurde. Bittere Ironie: Hastings liegt genau in der Mitte zwischen der coolen Innenstadt und dem beliebten Hastings Park, der nun einen Monat lang das Fifa-Fan-Festival beherbergt.
Um 20 Uhr schlafen alle vier tief und fest. Auch die Reiseleitung.
Sonntag, 28. Juni 2026
Wir schlafen tief und fest, erst ab 5 werden wir nacheinander langsam wach, Frühstück ist um 6.30 Uhr. Gemütlich duschen und gegen 8.30 Uhr ziehen wir los, Richtung Hafen. Kleine Eichhörnchen/Hörnchen kreuzen unseren Weg, ansonsten sind um diese Uhrzeit vor allem Eltern mit kleinen Kindern, Hundebesitzer oder Jogger unterwegs. Und die Pflegekräfte der nahegelegenen Klinik, die draußen rauchen. In der Foodhall gibt es noch einen kleinen Snack - die regelmäßige Zufuhr von Kohlenhydraten hilft definitiv bei der Bewältigung des Jetlag. Draußen sehen wir schon eine lange Warteschlange vor einem Public Viewing - Kanada spielt später gegen Südafrika. Dann geht es mit dem Seabus wieder auf die andere Seite.
Diesmal biegen wir gen Westen ab, wir wollen den Stanley Park erlaufen. Dabei dauert es schon eine Weile, bis man überhaupt bis zur grünen Halbinsel kommt. Der Stadtpark wurde 1886 angelegt und bietet vor allem sagenhafte Natur, wunderschönsten Wald. Auf dem Weg dahin bewundern wir das schicke Westend, das eine sehr coole Mischung aus sehr grün und sehr modernen Wolkenkratzern bietet.
Wir stellen fest, dass die Wasserflugzeuge beim Starten ziemlich viel Lärm machen. Noch recht am Anfang des Parks sind die Totempfähle, die auch viele Busse anlocken. Danach wird es ruhiger. Zunächst führt unser Weg am Wasser entlang, wir sehen die knallgelben Schwefelhügel im Industriegebiet, eine Meerjungfrau im Nationaltrikot, zahllose Radfahrer und ein sehr schnelles Polizei-Boot. Um 11.30 Uhr haben wir die ersten 10.000 Schritte zurückgelegt.
Nach einem Stopp an einem Imbiss entscheiden wir, dass wir bis zum Prospekt Point ganz im Norden des Parks gelangen wollen. Unter der Lions Gate Bridge, neben dem Leuchtturm, bewundern wir lilafarbene Seesterne. Nur die Buckelwale und Orcas, die hier oft zu sehen sind, legen gerade heute Mal eine Pause ein. Da kann die Reiseleitung noch so lange sehnsüchtig aufs Meer starren... Hoch geht es zum Café, in dem die Aussicht besser ist, als der Kaffee. Wunderbare Sicht, Touristen aus der ganzen Welt genießen den Ausblick. Spontan entscheiden wir, zum Second Beach zu laufen, das sind ja nur knapp 3 Kilometer. Der Wald ist ganz anders, als in Deutschland oder in Ost Kanada - Baumriesen, Schachtelhalme, Farne und dazu dieses kleine Kribbeln im Bauch, weil hier ja Schwarzbären wohnen. Die sind aber glücklicherweise gerade wohl mit den Orcas baden und nicht zu sehen.
Am Second Beach gibt es ein 26 Grad warmes Schwimmbad und den eher rauen Strand. Stände verkaufen koreanische Snacks wie Corndogs, direkt nebendrand sind Blaubeeren und Himbeeren aus Kanada im Angebot. Auf der Hinweistafel mit Temperaturen und Ebbe-Zeiten wird auch direkt am kanadischen Team zum Sieg gratuliert. Am Meer entlang geht es weiter zur English Beach - ob das Alkoholverbot auch gilt, wenn nicht gerade WM ist? Die ikonischen 14 Figuren von A-maze-ing Laughter haben auch ihre Trikots an und sind ein sehr beliebtes Fotomotiv.
Langsam geht uns die Laufmotivation aus. Ein Uber mit einem sehr gesprächigen jungen Fahrer, Familie aus dem Nahen Osten, bringt uns auf Granville Island. Der Inselstadtteil ist mit großen Brücken mit der restlichen Stadt verbunden und hat sich von einem Industriegebiet in ein hippes Viertel mit angeblich viel Kunst, sichtbar viel Nippes verwandelt. Aber wir haben wenig Zeit zum erkunden, die Füße schmerzen etwas und der Jetlag schlägt zu. Der beste Moment, um etwas herumzuirren, bis man den Fährableger findet. Mit einem der lustigen kleinen Wassertaxis von False Creek Ferries - für solche Tipps lohnen sich die Reiseführer im Gepäck - fahren wir über den Meeresarm. Diesmal blicken wir von der anderen Seite auf das schicke Westend, staunen über die geparkten hochmotorisierten Polizeiboote und kommen am Science Center - jetzt ein großer Fußball - und am Stadion vorbei. Dort steigen wir vorzeitig aus. Eine sehr gute Idee von Kilian, denn sonst hätten wir wieder das Dilemma gehabt, wie wir von Granville Island wegkommen.
Auf dem Weg zum Seabus geraten wir in die Fanmeile in der Granville Street. Der kanadische Sieg ist inzwischen schon ein paar alkoholgeschwängerte Stunden her und die Stimmung ist aufgeheizt. Kanadier jeglicher Herkunft feiern sehr laut, sehr ausgelassen und man muss sagen, dass die Menschen mit arabischem Hintergrund beim Tanzen auf jeden Fall vorne liegen. Laut kann der Rest auch, während pünktlich um 18 Uhr eine kleine Fangruppe zwischen großen Fußbällen gen Mekka betet. Absolut faszinierend. Auch, was die unglaublich große Polizeipräsenz angeht. Größtenteils stehen die Polizisten hochkonzentriert zusammen und werfen einen kritischen Blick auf die feiernden Massen, manche zücken jedoch ihre Mobiltelefone und filmen - wohl eher für den privaten Gebrauch. Eine einzigartige Erfahrung, aber wir trotzdem froh, als wir heile wieder durch vergleichsweise leere Straßen ziehen. Noch kurz zum TouristenAnziehungspunkt der historischen Dampfuhr, die angeblich alle 15 Minuten eine Melodie spielt. Heute geht sie irgendwie vor oder nach und stößt nur kleine Dampfwölkchen aus, Melodie ist aber nicht. Danach geht es zum Seabus, noch eine kleine Einkehr in der Foodhall am Hafen - und mit dem Uber den Berg hoch. 25 Kilometer zu Fuß waren genug. Um 21.30 Uhr liegen wir im Bett.
Montag, 29. Juni 2026
Erneut frühstücken wir vor 7 Uhr, aber diesmal starten wir nicht zu Fuß: Erstes Ziel ist das Museum für Anthropologie, gelegen auf dem Campus der Universität British Columbia - und das liegt am anderen Ende von Vancouver. Zwar hätten wir uns mühevoll mit Bus und Seabus und Zug durcharbeiten können - aber so nehmen wir ein Uber und sind immerhin innerhalb von 40 Minuten schon dort. Kurzer Kaffee und dann tauchen wir ein in die Welt der Indigenen, mit Totempfählen, geknüpften Teppichen und anderen Artefakten. Sehr faszinierend und überwältigend viel, weil es schlicht auch noch die gesamte Sammlung der Uni zu bestaunen gibt.
Punkt 13.30 Uhr sitzen wir in Koerners Pub, der nur ein paar Meter vom Museum entfernt liegt. Offensichtlich gibt es hier kaum deutsche Studenten - wir schauen quasi alleine das Spiel Deutschland gegen Paraguay. Pubessen, heiß und fettig, hilft als Nervennahrung, alleine Nicole versucht es mit veganen Tacos, um an so etwas ähnliches wie Gemüse zu kommen. Und was sollen wir sagen - wir verharren bis zum bitteren Ende im Pub. Immerhin haben wir damit das Sechzehntelfinale komplett gesehen, ohne uns dafür in Deutschland die Nacht um die Ohren schlagen zu müssen. Auch wenn es sich dank Jetlag immernoch ein bisschen so anfühlt.
Danach geht es schnell zum Nitoba Memorial Garden, einem japanischen Garten, der aufgrund seiner Ästhetik hochgelobt ist. Aber wir stehen vor verschlossener Tür, da die Tore sich um 16.30 Uhr geschlossen haben, wir aber dank Verlängerung und Elf-Meter-Schießen erst um 16.37 Uhr vor Ort sind.
Kurze Beratung, wie wir zurück in die Innenstadt kommen. Kilian würde gerne ein großes Stück des Weges laufen, aber den anderen dreien schmerzen nach dem Wandertag gestern zu sehr die Füße. Also unterstützen wir wieder Uber und gelangen so in die Innenstadt. Dort steht das Dach der Öffentlichen Bücherei der Stadt auf dem Programm, denn dort gibt es einen kostenlos zugänglichen Dachgarten im 9. Stock. Der Garten selbst ist hübsch, die Aussicht eher unspektakulär, da der Blick nur in eine Richtung geht. Dafür können wir beobachten, wie eine Gruppe asiatischer Girls einen K-Pop-Tanz aufführt und dabei gefilmt wird. Auch schön. Danach verweilen wir noch wirklich lange in den unterschiedlichen Stockwerken der Bibliothek, Stöbern in alten Zeitungen, staunen über die sehr hohe Dichte an Asiatisch-Stämmigen (dafür heißt Vancouver auch Hongcouver: Viele Einwanderer aus Asien) und die Senioren, die dort offensichtlich auch dort den Tag verbringen.
Noch eine Runde durch die Innenstadt, historische Gebäude wie die Kunsthalle bestaunen und Wolkenkratzer bewundern. Die Warteschlange bei Taiwanesen ist uns zu lang, also fahren wir mit dem Seabus auf unsere Seite und gehen zum Ukrainischen Restaurant. Drei von vier sind ausgesprochen begeistert, unter anderem gibt es Borscht, Crepes mit Rind und Piroggen mit Ente und Basilikum. Danach gönnen wir uns noch ein Uber den Berg hinauf. Immerhin halten wir heute bis nach 22 Uhr durch.
Dienstag, 30. Juni 2026
Wir gehen den Tag gemütlich an, auch wenn alle schon wieder sehr früh wach sind. Danach der schon liebgewonnene lange Spaziergang zum Hafen. Lonsdale in North Vancouver ist ein ausgesprochen schönes, grünes Wohngebiet. Wir verbringen viel Zeit damit, Vorgärten und Häuser anzusehen, schonmal Abendessen-Möglichkeiten für den Abend zu sichten und festzustellen, dass man hier gut wohnen könnte. Noch Kaffee und Gebäck in Shipyards Coffee, dann holen wir uns eine Tageskarte für den öffentlichen Nahverkehr.
Dazu gehört auch der Seabus, in dem wir noch einmal die Anfahrt nach Vancouver genießen. Am anderen Ufer die Entscheidung - Gallerie mit indigener Kunst (das wäre vor allem was für Nicole) oder doch hoch hinaus zum Vancouver Lookout? Wir investieren Geld und vor allem Zeit in den Blick von oben. Der Aussichtsturm ist 168 Meter hoch und wurde 1977 von Astronaut Neil Armstrong eröffnet. Damals war der Turm - im Brutalismus-Stil gebaut, den man heute nicht mehr so sehr schätzt - noch 30 Jahre lang das höchste Gebäude in Vancouver. Innerhalb von 40 Sekunden geht es mit dem gläsernen Aufzug nach oben.
Die Sicht ist natürlich spektakulär, vor allem, nachdem wir jetzt viele Punkte wieder erkennen. Und es fühlt sich auch ein bisschen an wie im Miniaturwunderland. Von hier oben kann man sogar die Dampfuhr erkennen, wie sie vor sich hin dampft. Wir sehen wie der Seabus einparkt, wie weit sich der größte Hafen Nordamerikas erstreckt, ein scheinbar endlos langer Güterzug einparkt ... Lohnt sich.
Danach geht es zurück zum wirklich erstaunlich sauberen Bahnhof, diesmal den Skytrain (auch wenn er hier noch unter der Erde fährt). Es geht weit gen Süden, in den Stadtteil Oakridge. Dort hat vor wenigen Wochen in einer neuen Mall ein Time Out Market eröffnet, den wir schon in Lissabon und Montreal lieben gelernt haben. 20 Restaurants bieten dort ihre Speisen an, die Innenarchitektur ist ausgesprochen chic. Fast alle 1000 Plätze sind besetzt, ein wandhoher Monitor überträgt das Spiel Frankreich-Schweden, leise ist dieser Ort nicht. Die Warteschlangen vor einigen Stunden sind lang, wir setzen auf Nudeln, Trüffelpommes, japanische Pfannkuchen, chinesische Dumplings... Nicht ganz geschenkt, aber sehr lecker, wie immer. Danach bummeln wir noch durch die hoch exklusiven Ladenstraßen, fragen uns, wer hier eigentlich bei Parda shoppen geht (offensichtlich genug Menschen). Und was hier richtig auffällt: Hongcouver. Die Besucher der Mall sind zu 90 Prozent asiatischer Herkunft, wir gehören einer Minderheit an und könnten also auch in irgendeiner Metropole in Asien sein (ein Hauch Singapur, was uns natürlich sehr gut gefällt).
Weiter geht es, wieder mit dem Skytrain, zum Flughafen. Dort wartet unser Mietwagen auf uns. Wieder über Sunny Cars gebucht, was hier unter Alamo läuft. Eigentlich hatten wir wieder auf einen Pacific Chrysler gehofft. Auf die Frage, wie das mit dem Wlan im Auto ist, muss der Mitarbeiter laut lachen - Welches Wlan? Die Fahrzeuge haben doch gar keins ... (Doch!). Nach einem Upgrade bekommen wir einen sehr großen Ford Explorer, einen SUV statt einen Van. Nach einer Sichtung der kleinen Schäden ("solange die Stoßstange nicht abfällt, ist das kein Problem") geht es los, bis nach North Vancouver brauchen wir fast eine Stunde.
Nach einem kleinen Päuschen geht es noch in die Natur. Die weltberühmte, teure Capilano Hängebrücke lassen wir im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und steuern die kleinere, kostenlose "Schwester" bei uns ums Eck an. Ein wunderschöner Küstenregenwald, in dem auch am Abend noch einige Menschen unterwegs sind. Es ist auch ganz gut, dass wir nicht alleine sind ... Wir treffen auf das erste Bär-Informationsschild, letzte Sichtung eines Schwarzbären am 27. Juni. Was außer uns offensichtlich niemanden beeindruckt und selbst die Allein-Wanderer haben kein Bärenspray dabei. Weitere Schilder zeigen aber, dass die wahre Gefahr sowieso eher in der menschlichen Dummheit liegt: 37 Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten in dieser kleinen Schlucht gestorben, größtenteils, weil sie dachten, von den Klippen in den Fluss springen zu müssen ... Wir gehen über die Hängebrücke und dann durch einen kleinen Rundweg durch den Wald. Abgesehen von diesem kleinen Kribbeln wunderschön. Ein bisschen wie der Regenwald in Queensland, nur anders. Dort hatte es dafür ja Schlangen und Spinnen - irgendwas ist offensichtlich immer.
Abendessen zum Abschluss ist im Eivan, einem persischen Restaurant, das Gerald und Kilian am Morgen entdeckt hatten. Ein großer, stilvoller Raum, in dem iranische Familien ihre Babys feiern und gemeinsamen Speisen. Die Safrangetränke, der Rosentee und vor allem der vegetarische Eintopf (Granatapfel, Walnuss, Auberginen) bieten Geschmacksexplosionen. Da kann auch die kleine Irritation um die Kreditkarte den Abend nicht trüben. Und morgen geht es weiter nach Vancouver Island.
Mittwoch, 1. Juli 2026
Canada Day! Es ist der Nationalfeiertag mit Paraden, Konzerten, usw, allerdings bekommen wir davon nichts mit: Es ist ein Reisetag, der nunmal genau auf diesem Termin liegen musste. Um 9 Uhr verlassen wir die Ferienwohnung. Noch ein kleiner Plausch mit dem Vermieter Ryan über den Gartenzaun: Der gebürtige Australier stammt aus der Gegend südlich von Sydney und hatte noch nie ein Bärenspray. Schwarzbären sind eigentlich freundlich und gechillt, im Herbst hatten sie auch schon welche im Garten. Grizzlys hingegen sind eine andere Nummer, wie Krokodile - das nehmen wir Mal so mit.
Es geht einmal quer durch die Stadt, vorbei an einem großen Sikh-Tempel. Und an einer griechisch-orthodoxen Kirche, bei der im Innenhof schon ein großes Fest mit Zelt vorbereitet wird. Ansonsten ist wegen des Feiertags kaum Verkehr, wir sind schon eine Stunde vor der Abfahrt am Tsawwassen-Fährableger. Dort gibt es sogar einen kleinen Markt mit Essen, Nippes, Klamotten, Totempfahl. Die Reiseleitung verpflichtet die Truppe zum Essen - was zumindest bei den Teenager nicht allzu schwer ist - , damit nicht wieder gleich auf der Fähre das Bistro gestürmt wird. Und heiß und fettig am Morgen (Jumbo-Hotdog und Pizza) hält dann auch wirklich lange an, vor allem, wenn dann noch Kaffee und süßer Kleinkram dazu kommen.
Die Fahrt nach Vancouver Island dauert eineinhalb Stunden und auf der Strecke ist ziemlich viel Schiffsverkehr. Erst geht es nur über die Meeresenge, doch dann geht es gleichsam durch kleine Schären durch, die Fähren begrüßen sich gegenseitig mit ohrembetäubenden Hupen und zahlreiche Hunde chillen auf dem extra Haustierbereich an Deck. Und schon sind wir auf der Insel.
Da wir noch etwas Zeit haben, bis wir in die Ferienwohnung können, steuern wir die Butchart Gardens an, eine der Hauptattraktionen der Region. Das kostet uns zusammen satte knapp 100 Euro, aber die Gärten sind auch absolut sehenswert. Die Gattin eines reichen Minen- und Zementwerkbesitzers, Jenny Butchart, legte 1904 den sogenannten versunkenen Garten an, es folgten ein Rosengarten, ein japanischer Garten und so weiter. Beim Enkel kam dann noch ein schönes Wasserspiel dazu.
Das alles steht in knallbunter Blüte, ist ausgesprochen ästhetisch und entsprechend gut besucht. Wir lassen uns viel Zeit, die man allerdings auch braucht, schließlich stehen meistens ausgesprochen gut gekleidete asiatische Damen im Bild. (Oft in Bekleidung eines gleichaltrigen Herrn, gerne auch Senior, der dann darauf achten muss, dass das auch alles passt).
Auf dem Weg zur Ferienwohnung halten wir an einem Whole Food, einem riesigen Bio-Supermarkt mit wirklich sagenhaftem Angebot, das allerdings auch seinen Preis hat. Danach geht es für einen Nachmittagssnack zur Fast-Food-Kette A & W, wobei Nicole sich verweigert und ihren frisch erstandenen Spinat mit Tofu auspackt. Unfassbar peinlich, findet ein Teenager, fast so schlimm, wie zwei unverpackte (!!) Flaschen Weißwein über den Parkplatz zu tragen, was kurz darauf passiert.
Unsere neue Ferienwohnung ist klein, fein und steht unter dem Motto Bären. Wobei es eine feine Ironie hat, dass ausgerechnet im Schlafzimmer der Bärenängstlichen auf dem Monitor gerade Bärenszenen aus dem Wald laufen ...
Wir legen eine längere Pause ein, entscheiden uns dann gegen die Canada-Day-Feierlichkeiten in Victoria (gut, da wollte sowieso nur eine hin) und fahren noch eine Runde ans Meer. Dort zieht es kühl und wir verweilen nicht lange, aber .... Tataaaa: Wir sehen einen Weißkopfseeadler! Was immerhin eine kleine Entschädigung dafür ist, dass es bisher weder eine Orca-, noch eine Walsichtung gab. Während wir fröstelnd wieder im Auto sitzen, strömen die Kanadier übrigens in Hot Pants und mit leichten Schälchen um die Schultern an den Strand, um den Feiertag zu begehen. Derweil fahren wir zurück in die Ferienwohnung, kochen noch etwas Kleines und kuscheln uns um den Minitisch. Morgen soll es bei 15 Grad nieseln.
Donnerstag, 2. Juli 2026
Draußen tröpfelt es und wir werfen die Waschmaschine an, die wie ein tief quakender Frosch klingt. Gegen 11 Uhr sind wir in downtown Victoria, das lange Zeit als urbritische Stadt galt. Nun, immerhin bekommen wir für unseren Besuch englisches Wetter, zwischen 12 und 14 Grad und leichten Niesel bis richtigen Regen. Was es selbst einem hübschen Städtchen nicht leicht macht.
Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst, sagte einst der große John Lennon. Und es trifft mal wieder zu. Nach einem kurzen Blick auf das Parlament steuert die Reisegruppe (nicht ganz freiwillig) einen Kaffee-Geheimtipp der Reiseleitung an. Und es kommt, wie es kommen muss: Erst navigiert Kilian, mit dem Orientierungssinn seiner Mutter gesegnet, in die komplett falsche Richtung. Danach geht es 30 Minuten abseits der Innenstadt durch untouristische Straßen, bis wir vor dem Roasters Coffee stehen um festzustellen, dass es dort nur Kaffeebohnen und Coffee to Go gibt, aber kein Café... Was für ein glücklicher Zufall, dass sich dort nebenan ein echter Geheimtipp befindet, Sallys Buns, ein kleines chinesisch geführtes Café mit Buns, gefüllten salzigen Brötchen, und leckerem, sehr günstigen Kaffee. Wir verweilen länger.
Danach steuern wir mit einem Abstecher in die St. Andrews Cathedral den Stadtteil Chinatown an. Diese ist die älteste ihrer Art in Kanada und deutlich kleiner, als erwartet. Deutlich kleiner als erwartet ist übrigens auch die Anzahl der Obdachlosen und Drogenabhängigen, denen wir auf dem Weg begegnen. Der Buchladen Munros, in einem über 100 Jahre alten Gebäude untergebracht, ist natürlich ein Pflichtstopp, zumindest für eine von dreien. Danach lugen wir in das Foyer des Fairmont Express Hotel, einer der Nobelherbergen, die damals für die Canadian Pacific Railway errichtet wurden. Draußen fährt ein Cybertruck vorbei, den wir später an einem anderen Nobelhotel wiedersehen.
Der Regen wird stärker, aber im Royal British Columbia Museum ist ausgerechnet die Abteilung, die uns am meisten interessiert hätte - indigene Kunst etc - gerade im Umbau. Also laufen wir mit Schirm und Kapuze zur Hausbootsiedlung Fishermans Warf. Im prasselnden Regen finden wir Zuflucht bei einem Fish'n'Chips, wo es neben dem üblichen Angebot auch gegrillte Austern gibt. Das entschädigt erstmal für das Wetter. Die Eltern würden ja ein Wassertaxi nehmen, aber der Nachwuchs will laufen ...
Nun denn. Quer durch ein historisches Wohngebiet führt der Weg zum Teetassenbaum, der einst als Erinnerung an die Oma eines Anwohners eingerichtet wurde und jetzt eine feste Institution ist. Unterwegs ruft uns eine ältere Dame, die im Rollator sitzend unter einem Baum raucht, fröhlich zu: Habt noch einen wunderschönen Abend, ihr Lieben. Und in einem Park strahlt uns ein - mutmaßlicher - Parkbewohner an: Konnten wir diesen Regen nicht alle gebrauchen, es war doch viel zu heiß! Weniger freundlich ist eine Krähenmutter, die direkt einen Angriff auf Gerald und Kilian fliegt. Anderswo stand tatsächlich ein Warnschild, dass man auf solche Tierflüge achten sollte.
Der Regen geht weiter und wir auch, zum heute sehr grünen Beacon Hill Park samt seiner Mooslady. Um 18 Uhr und 17 Kilometer später sind wir etwas durchgefroren im Parkhaus. Doch auf dem Heimweg geht es noch zu einem Internet-Tipp: Der Market Garden, ein zauberhaft eingerichteter Laden mit hochwertigen Speisen für alle die, die es sich leisten können. Wir erstehen ein paar Kleinigkeiten, danach wird in der Ferienwohnung gekocht. Und ein kleines bisschen die Heizung aufgedreht. Zuvor sehen wir beim Abbiegen in das Viertel noch ein Schild: Bär gesichtet.
Freitag, 3. Juli 2026
Der Nachwuchs unserer Vermieter, zwei Kleinkinder, hat Energie. So viel Energie, dass nach Beschwerden von Ferienwohnungsmietern sogar Ohropax bereitliegt. Wir lächeln über die lärmenden Kids und fragen uns nur: Haben die da oben vielleicht eine Bobbycar Rennstrecke...? Egal wie, wir starten ruhig in den Tag und ziehen erst gegen 10.30 Uhr los.
Erste Station: Die Bliston Creek Lavender Farm, klein, aber fein. Für einen kleinen Eintritt kommt man auf das Gelände. Alte Apfelbäumen, eine Getränkekarte voller Lavendel-Getränke, alte Spiele - die von wirklich allen Besuchern ausprobiert werden - und Lavendelfelder in voller lila Blüte. Wunderschön. Das Gelände ist zwar übersichtlich groß, aber wir verweilen lange. Da kann man beobachten, wie der alte, portugisische Destillator befüllt wird. Oder einer Jazz-Stimme auf der Bühne - ohne Publikum - zuhören, während ein Reh grast. Idylle pur.
Danach zuckeln wir die Küste entlang und kehren zum späten Mittagessen bei Shirley Delicious ein. Das Café liegt neben der Bundesstraße, ziemlich im Nichts, und wird von einer (mindestens) zehn Frauen starken Truppe betrieben. Die Schlange reicht bis auf die Straße, kurz vor 14 Uhr schließt die Chefin resolut die Tür: Nur bis hier gibt es warmes Essen. Die leckeren Sandwiches und der Burrito sättigen dann auch für den restlichen Tag.
Weiter geht's zum Sherington Point Leuchtturm. Dieser wurde 1912 erbaut, nachdem es sechs Jahre vorher mangels Orientierung ein großes Schiffsunglück an dieser schmalen Meerestraße zwischen Kanada und den USA gegeben hatte. Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite gehören übrigens zum Olympic Park im US-Bundesstaat Washington. Der Leuchtturm wurde in den 1980ern automatisiert und 1989 außer Betrieb genommen. Inzwischen kümmert sich eine kleinen Gesellschaft darum, dass das Kulturgut erhalten bleibt. So wurde zum Beispiel in einem kleinem Gebäude die historische Linse wieder zusammengebaut. Und woher wissen wir das alles? Weil ein reizender über-80-jähriger Brite unter anderem diese Linse hütet und uns alles, wirklich alles, darüber erzählt hat. Inklusive eines Fotos vom historischen Schiff, das ihn 1946 mit seinen Eltern von Liverpool nach Halifax gebracht hat und vielen Fotos von uns, da er uns vor unterschiedlichen Hintergründen arrangiert hat. Orcas ließen sich natürlich im Meer keine blicken, Buckelwale auch nicht.
Wir fahren noch ein kleines Stückchen weiter zur French Beach. Die Straßen sind gesäumt mit Hinweisschilder, die bitten auf Hühner oder Wildlife insgesamt oder Bären im Besonderen Rücksicht zu nehmen. Tatsächlich sehen wir viele Rehe in unmittelbarer Nähe zur Straße. Am French Beach treiben sich angeblich gerade auch Otter herum, die man - so der Hinweis - doch bitte in Ruhe lassen soll. Wir haben sie nicht gesehen, dafür haben wir auf das Meer geschaut, bis es uns zu kalt wurde.
Auf dem Rückweg nach ein Stop im Nationalpark der Wasserlöcher (Potholes) nahe dem Örtchen Sooke. Die vielen Parkplätze sind oft überfüllt und der Campingplatz an diesem Abend auch ausgebucht. Doch als wir dort sind, sind nur noch wenige andere Wanderer da. Klares Wasser, wieder ein traumhafter Wald und eine Reiseleitung, die nervös alle paar Meter in die Hände klatscht und damit ihre Truppe ziemlich entnervt. Aber Bären und Berglöwen sollte man nicht unterschätzen, dafür muss man auch Opfer bringen. Die Kanadier sind übrigens allesamt ohne Bärenspray und sehr entspannt unterwegs, eine Gruppe Mädchen ist sogar im eisigen Wasser baden.
Noch ein Tortellini-Einkauf im Supermarkt und dann Abendessen zuhause. Morgen ziehen wir schon wieder weiter.