4go2westcanada - Kanada - 2026

vom 27.6. bis 19.7.2025
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Warnung vor Tiermüttern

Samstag, 11. Juli 2026

Wir sind zwar mitten im grünen Nichts, aber deshalb ist die Nacht noch lange nicht ruhig: Eichhörnchen meckern sich auf den Bäumen an. Und dann gibt es noch dieses Schwalbennest voll mit hungrigem Nachwuchs direkt vor unserem Fenster - die Kleinen machen ziemlichen Lärm, wenn Mama mit einem Schnabel von Würmern angeflogen kommt. Die Eltern Schwalbe ihrerseits beäugen die neuen Nachbarn - also uns - sehr kritisch und drehen beim Landeanflug lieber zwei Extrarunden, wenn sie sich beobachtet fühlen.

Das Frühstück in der Black Cat Mountain Ranch ist wunderbar. Eier, Speck, Kartoffeln, Toast, Marmelade, Joghurt, Obst, Kuchen gibt es am Buffet. Danach plaudert sich Nicole beim Eigentümer Perry - der irgendwie eine kanadische Version unseren australischen John zu sein scheint - fest und macht das Programm für die kommenden zwei Tage klar. Nach dem großen Feuer 2024 sind die Schwarzbären übrigens gen Norden gezogen und leben jetzt auch verstärkt hier in der Gegend. Perry fackelt nicht lange und drückt Nicole neben ein paar Wanderkarten auch direkt ein Bärenspray in die Hand. Er selbst hat übrigens in den vergangenen 50 Jahren noch nie eines verwendet.

Das Wetter hält sich an den Bericht: Strömender Regen. Als wir Richtung Lake Maligne fahren, was immerhin eineinhalb Stunden dauert, fällt das Thermometer sogar auf 7 Grad. Aber im Auto ist es ja wohlig warm. Durch die Scheiben sehen wir erneut die Verwüstungen, die das Feuer angerichtet hatte. Die Straßen sind ziemlich leer, aber auf den Parkplätzen unterwegs sehen wir schon, dass noch viele andere den Weg zu den Seen gefunden haben.

Am Lake Maligne mit seiner Insel Spirit Island - ein Postkartenmotiv im türkisfarbenen See vor der Bergkulisse - sind die ersten zwei Parkplätze schon knallvoll, aber wir finden noch ein Plätzchen. Direkt am Zugang zum See informiert ein Stand des Nationalparks: Ein Weg ist derzeit geschlossen, eine Grizzlymama kümmert sich dort um ihre beiden Jungen und soll im Interesse aller Seiten nicht gestört werden. Aber der Mary Schäffer-Weg, den wir sowieso geplant hatten, wäre kein Problem. Wir ziehen also am Seeufer los, genießen den Ausblick - inzwischen hat der Regen ja aufgehört und wir sind warm eingepackt. Doch dann taucht mitten auf dem Weg ein Schild auf, daneben zwei Nationalparkmitarbeiterinnen: Auf dem Mary-Schäffer-Weg wurde recht frisch eine Schwarzbärenmama mit zwei Jungen gesichtet - bitte nur bis zum Aussichtspunkt gehen. Ob wir Bärenspray dabei haben und über Bären informiert sind?

Gerald und Kilian haben jetzt auf dem Weg zum Aussichtspunkt viel Spaß mit ihren beiden Bärenängstlichen. Wobei tatsächlich noch recht viele Wanderer auf dieser Strecke unterwegs sind. Aber egal: Gerald bekommt das Spray in die Hand gedrückt, dann wird zum Aussichtspunkt gesaust, ein Blick auf den See geworfen, die Infotafeln ignoriert und dann geht es husch-husch wieder nach unten. Kilian und Gerald fügen sich in ihr Schicksal, auch wenn sie die Aufregung natürlich überhaupt nicht verstehen können. Am Warnschild hat inzwischen das Team gewechselt und Nicole hört gebannt zu, als sich eine holländische Familie informiert. Da wird das Spray vorgeführt, Verhaltenstipps werden gegeben - tatsächlich immer wieder laut "Hallo Bär" rufen, was Nicole gerne aufgreift und die drei anderen sehr peinlich berührt - und eine Bärenfachfrau empfiehlt eine andere schöne Route am See.

Aber vorher schauen wir uns noch um. Eine Bootsfahrt zum Spirit Island, das man aber nicht betreten darf, würde uns ungefähr so viel kosten, wie die walfreie Walfahrt im vergangenen Jahr auf dem Sankt-Lorenz-Strom - danke, nein. Aber die Boote sind auch so gut besucht, gerade mit Reisegruppen aus Indien. Es gibt drei Speiselokale/Bistros zur Auswahl, wir gehen ins Waffelhaus. Danach peilen wir den Moose Lake Loop, einen Rundweg auf der anderen Seite des Sees an. Dort soll es viele Elche geben. Aber Achtung, übrigens, wenn eine Elchmama mit ihren Jungen unterwegs ist. Dann viel Abstand halten, denn auch diese Mamas verstehen überhaupt keinen Spaß.

Der Elchweg ist natürlich gut besucht - klar, die verhinderten Wanderer - und führt schön durch den Wald und an den See. Der übrigens wirklich Idylle pur ist, vor allem, nachdem jetzt auch noch die Sonne strahlt. Eine Extrarunde brechen wir ab, weil der Regen vom Vormittag dan Weg komplett vermatscht hat. Einen Elch haben wir übrigens beim Wandern nicht zu sehen bekommen, aber vorher schon eine sehr süße kleine Maus. Und neben der Straße sehen wir später vom Auto aus eine entspannte Elchdame und später eine Dichhornschaf mit schön gedrehten Hörnern.

Auf dem Rückweg halten wir im Medicine Lake, dessen stark schwankende Pegelstände noch immer nicht komplett erforscht sind. Eine Seite des Sees ist gerade gesperrt: Brütende Seeadlermamas, die nicht gestört werden sollen. Dafür treffen wir auf zwei wirklich super niedliche Murmeltiere, die sich auch in Ruhe fotografieren lassen. Es gibt noch ein paar weitere Stopps, dann sind wir wieder in Jasper.

Abendessen im Olive, Burger, Muscheln, Suppe und ein dickes Trinkgeld für den angehenden Studenten, der mit seinem Geplauder die gesamte Kundschaft unterhält. Auf dem Weg zur Black Cat Ranch sind wir zu früh dran, außer einer Herde Ziegen lässt sich noch kein Tier blicken. Aber dafür sind wir auch schon um 20.30 Uhr zurück.

Tag auf der Ranch

Sonntag, 12. Juli 2026

Ein extrem ruhiger Tag mit viel Kamillentee, Schwalbenbeobachtung und Blick ins Grüne und auf die Berge. War nicht so geplant war, war aber auch nicht schlimm. Die Black Cat Ranch ist ein Traum. Man kann sich unbegrenzt heiße Getränke holen, es stehen unzählige Spiele bereit ... Kilian und Nicole versuchen sich an einem Puzzle und scheitern in Würde. Der Spaziergang im Abendlicht ist nach ein paar Metern beendet: Ausgehungrte Scharen an Moskitos fallen über uns her. Morgen geht es weiter auf den legendären Icefield Parkway.

Icefield Parkway: Wenn der Weg das Ziel ist

Montag, 13. Juli 2026

Nach einer kühlen Nacht mit 7 Grad und einem lauten Güterzug - beides bei offenem Fenster - gibt es um 8.30 Uhr Frühstück. Noch ein kleiner Plausch mit Perry und um 10 Uhr sind wir unterwegs. Erstmal eine Stunde nach Jasper, dann biegen wir ab auf den Icefield Parkway. Die 233 Kilometer lange Straße zwischen Jasper und Lake Louise gilt als eine der schönsten Panoramastraßen der Welt, wir sind also gespannt.

Zunächst: Noch viel verbrannter Wald. Das Ausmaß des Brandes von 2024 beeindruckt uns jeden Tag aufs neue. Auf der Straße ist nicht viel los, wie das Fahren hier sowieso meistens sehr entspannt ist - Tempolimit, wenige Fahrzeuge. Als wir zu den Athabasca-Fällen kommen ist der Parkplatz allerdings schon wieder dicht belegt. Der Wasserfall selbst tost und stäubt, es gibt einen kleinen Rundweg, alles wunderbar. Und so vergeht schon am Anfang schnell die Zeit ...

Athabasca Falls

Kleiner Stopp bei einem Aussichtspunkt auf den Fluss. Es gibt übrigens sehr viele Parkplätze, fast alle mit Toiletten (Plumpsklos), aber so gut wie kein Netzempfang. Und es gibt einige wenige Orte zum Einkehren, wie bei den Sunwapta Falls. Dort stoppen wir gegen 13 Uhr, es gibt in der Lodge unter anderem einen einheimischem Rindfleischeintopf - eine gute Abwechslung zu Burger und Co. Noch ein Spaziergang zum Wasserfall und weiter geht's.

Sunwapta Falls

Wir lassen inzwischen einige Aussichtspunkte aus, denn der Höhepunkt wartet: Das Columbia Icefield, ein Bereich, in dem man ganz nahe an einen Gletscher herankommt, der sich seit der ersten Dokumentation 1905 schon sehr weit zurückgezogen hat. Es gäbe auch noch einen teuren Busshuttle, der zu einer Aussichtsplattform und auf das Eis selbst führt - aber nicht nur angesichts der gefühlt kilometerlangen Warteschlangen verzichten wir gerne. Dafür laufen wir selbst so weit es geht an den Gletscher heran und sind beeindruckt.

Columbia Icefield

Um 15.45 Uhr Uhr reißen wir uns los. Es liegen noch etwas 200 Kilometer bis zu unserer Unterkunft vor uns. Die Landschaft mit immer neuen Bergriesen, weiteren Gletschern bleibt atemberaubend und wir zuckeln mit 90 Stundenkilometern vor uns hin. Der Lake Louise ist inzwischen rettungslos überlaufen, liest man, und der Peyto Lake wird gerne als eine Alternative gepriesen. Ist allerdings schon lange kein Geheimtipp mehr. Aber auch hier finden wir eine Parklücke und nehmen dann den schnellen, steilen Weg bergauf. Der See selbst leuchtet unglaublich türkis und lohnt alle Mühen. Louisa und Nicole haben danach noch einen Blitzaufenthalt auf dem schlimmsten Klo ihres Lebens. Die Blicke, die sich die Nutzer jeweils beim Betreten und Verlassen der Kabinen zuwerfen, können Völker verbinden.

Peyto Lake

Dann steuern wir unsere Unterkunft in Harvey Heights an, einen Weiler zwischen Banff und Canmore und sind nach knapp 400 Kilometern Fahrt in unserem schmucken kleinen Reihenhaus angekommen. Über den Preis einer Übernachtung mitten in den Rockies zur Hauptsaison schweigen wir an dieser Stelle still. Aber die Gegend ist ja auch im übertragenen Sinne unbezahlbar.

Zum Abendessen fahren wir nach Canmore in einen fröhlichen, lauten Pub namens "The Drake screaming Retriever", was an einen Apportierhund erinnern soll. Wir sitzen auf der Terrasse und genießen den Blick auf die Berge, während im Hintergrund ein Junggesellinnenabschied tobt und am Billardtisch gespielt wird. Danach huschen wir noch kurz in einen Lebensmittelladen, bevor dieser um 22 Uhr schließt. Draußen ist es dank der Zeitverschiebung noch hell.

Canyon ohne Trubel

Dienstag, 14. Juli 2026

Wir schlafen tief und fest und wir schlafen aus. Gemütliches Frühstück, Wäsche waschen, den Anfang des WM-Spiels Frankreich - Spanien schauen. In der Region kann man sehr viel unternehmen, aber für viele superbekannte Sehenswürdigkeiten müssten wir gut eine Stunde fahren. Darauf haben wir nach der langen Fahrt gestern keine Lust, auf Menschenmassen auch nicht. Damit ist der berühmte Johnston Canyon ersatzlos von der Liste gestrichen.

Aber mit etwas Stöbern im Netz hat die Reiseleitung eine Alternative in 15 Minuten Auto-Entfernung gefunden: Den Grotto Canyon. Der macht es uns allerdings zunächst nicht leicht: Erst braucht der Nachwuchs noch kurz heiß&fettig. Kaum steigen wir endlich am Einstieg in den Weg aus dem Auto werden wir so von Moskitos überfallen, dass wir nur zurück ins Fahrzeug flüchten können. Also: Fahrt zurück nach Canmore, dort in die nächstbeste Pharmacy und Insektenmittel holen. Auf der Straße fällt uns auf, dass das Anhalten nicht nur wegen der Rocky Mountain Schafe - die wir nicht zu sehen bekommen - verboten ist, sondern wegen einer "Blasting Area". Offensichtlich geht es um den Steinbruch, in dem immernoch gearbeitet wird.

Der erste Kilometer zum Grotto Canyon führt unter einer Hochspannungsleitung entlang und direkt auf eine Lärmendes Zementwerk zu. Hm. Dann müssen wir ein trockenes, breites Bachbett durchqueren, in dem erst vor kurzem eine Überflutung gewütet hat. Wegen dieser Unwetter sind noch immer viele Trails hier gesperrt, weil noch aufgeräumt werden muss. Dass es dampfige 28 Grad hat dämpft unsere Euphorie zunächst. Aber bald zeigt sich: Der Grotto Canyon ist jede Mühe wert! Eine faszinierende, wunderschöne kleine Wanderung. Wir treffen auf einige Kletterer, ein paar Wanderer, eine kiffende Oma - aber die Massen sind woanders. Ein Streifenhörnchen bettelt uns beim Picknick an, natürlich erfolglos. Sorry, Kleines, wir halten uns an die Nationalparkregeln und die besagen unter anderem: Auf keinen Fall füttern.

Danach fahren wir zurück nach Canmore, das übrigens deutlich mehr Atmosphäre hat als Jasper (was nicht nur daran liegt, dass dort so viel abgebrannt ist). Wir parken an einem Nachbau des Opernhauses von 1889, das Original steht aus irgendwelchen Gründen in einem Freilichtmuseum bei Calgary. Dann führt der Policeman's Creek Boardwalk an einem breiten, klaren Bach unfassbar idyllisch in den Ort, auf der einen Seite unter Bäumen, auf der anderen Seite auf einem Holzweg über eine Art Moor.

Heute gehen wir in den Biergarten eines Pubs, der gegenüber von dem von gestern Abend liegt. Der Biergarten brummt, direkt neben uns werden die Lautsprecher für das Pub Quiz aufgebaut. Das Essen schmeckt, wir hören bis zur zweiten Fragerunde zu, dann bummeln wir sehr idyllisch zum Auto zurück.

Fensterputzer, Markttreiben und Luxushotel

Mittwoch, 15. Juli 2026

"Men in Kilts", "Männer in Schottenröcken" lautet der Name einer Fensterputzfirma, die wir am Tag zuvor schon bei der Durchfahrt von Canmore entdeckt hatten. Gegründet wurde das Unternehmen 2002 von einem Schotten in Vancouver (vermutlich nach einer durchzechten Nacht), inzwischen ist es an 50 Orten in Kanada vertreten. Und tatsächlich rückt am Morgen ein großer Putztruppe im Kilt auch an unserer Wohnanlage an. Und ein armer Putzmann ließ sich fotografieren, auch wenn er dabei ehrlicherweise nicht ganz glücklich wirkte ...

Das Örtchen Banff mit seinen gut 11.000 Einwohnern zählt aktuell jährlich über 4 Millionen Touristen. Da wir von dort morgen auf große Tour gehen, wollen wir uns lieber schonmal vorab ansehen, wie das mit den Parkplätzen funktioniert. Rund um den Bahnhof gibt es inzwischen 500 Stück, auf denen man kostenlos 6 Stunden parken darf. Doch bis wir um die Mittagszeit eingetrudelt sind geht da nichts mehr. Entnervte Fahrer zuckeln im Kreis und hoffen auf Ausparker, aber die gibt es um diese Uhrzeit noch nicht. Wir fahren also noch ein Stückchen weiter raus und stellen unseren Ford auf einem Wanderparkplatz ab. Fußweg zum Bahnhof knapp 10 Minuten, das sollte morgen notfalls klappen.

Aber heute führt uns der Weg am Bow River entlang in den Innenort, in dem nicht so viel los ist, wie der Parkplatz vermuten lässt. Wir schmunzeln über die Parkwächter, die Parksünder streng ahnden oder sogar ein Fahrzeug bewachen, bis der Fahrer wieder kommt - denn auf ihren Westen steht: Peace Police, die Friedenspolizei. Im Wildflower Café gibt es sehr guten Kaffee (das ist hier stets ein großes Glück) und feine Croissants. und einen kleinen Spatz, der sich verflogen hat. Dann bummeln wir durch den Farmers Markt, der zufällig heute stattfindet. Neben Kunsthandwerk und Essensstanden gibt es auch echte Markstände mit Gemüse und Musiker, die ihr Glück versuchen. Ein sehr entspannter Ort, auch wenn es etwas tröpfelt.

Danach steuern wir die Casacade Gardens an, ein hübscher, kostenfreier Park, der um die Nationalparkverwaltung angelegt wurde. Es geht über den türkisfarbenen Fluss, wir bewundern die angeschwemmten Baumstämme an einem Pfeiler. Kaum haben wir den kleinen Park betreten, fängt es richtig stark an zu regnen. Zusammen mit anderen Touristen stellen wir uns in einer kleinen Holzhütte unter und warten ....

Es dauert eine Weile, dann kommt die Sonne wieder durch und es ist heiß. Das nächste Ziel lautet Banff Springs Hotel, eines der großen Bahn-Luxushotels, die um 1888 für die Gäste der Canadian Pacific Railways erbaut wurden. Zu diesen Hotels gehören auch das Château Frontenac, das wir letztes Jahr in Quebec bewundert haben, oder das Express Hotel in Victoria, vor dem wir neulich erst standen. Das Hotel in Banff war zunächst ein Holzbau, brannte 1926 ab und wurde 1928 aus Stein wiedereröffnet. Witzigerweise weisen die Fenster der Luxuszimmer aufgrund eines Baufehlers nicht auf den spektakulären Bow River, sondern auf den Sulphar Mountain.

Die Reiseleitung hat eine etwas abgelegenere alternative Route zu Fuß gewählt und bangt etwas, da das Bärenspray Zuhause gelassen wurde. Nicht nur sie hofft, dass das Klatschen und Rufen bis zu den nächsten Wanderungen im Pfälzerwald wieder abgelegt wird ... Aber kein Bär in Sicht, nur viele kleine Hörnchen, die über die Wiesen und durch die Wälder huschen. Im Hotel selbst erfahren wir, dass es die selbstgeführte Erkundungstour nicht mehr gibt, vermutlich, weil es schlicht zu viele Touristen gab. Aber wir dürfen uns gerne in bestimmten Bereichen umsehen. Es gibt ein Stockwerk mit schicken Luxusläden, den "geheimen Garten" und einen sagenhaften Ausblick von der Terrasse auf den Bow River und die Berge. Etwas irritierend ist dabei, dass dieser Ausblick auch den Blick auf den Pool beinhaltet - will man für dieses teuere Geld wirklich im Bikini auf sämtlichen Touristenbildern sein?

Nicole und Kilian steuern auch noch die coole Rundle-Bar an, bei der sich auch noch ein Raum hinter einer - okay, nicht ganz so geheimen - Tür verbirgt. Dort wird gerade über das Spiel England-Argentinien gejammert, wir fühlen mit. Kilian dürfte übrigens mit 18 in Alberta wieder Alkohol trinken, in British Columbia ist die Grenze bei 19 Jahren und er hätte zudem den Pub am See früher verlassen müssen (was ihn angemessen empört hat. Nicht wegen des Alkohols. Aber er ist doch erwachsen!).

Noch ein paar halblegale Blicke in ein paar Ecken des Hotels, noch ein halblegaler Weg nach unten und wir sind am tosenden Bow River, zusammen mit sehr vielen anderen Menschen. Ob sie aus aller Welt kommen oder einfach nur aus Kanada ist gerade bei den Chinesen und Indern schwer zu sagen - denn das ist hier der sogenannte Migrationshintergrund. Am Fuß entlang, durch einen schönen Wald, geht der Weg zurück zum Markt. Dort futtern wir uns einmal quer durch das Essensangebot und nach 14.000 Schritten geht es erstmal zurück in die Ferienwohnung.

Zum Abendessen geht es wieder nach Canmore. So schön unsere Ferienwohnung ist, wir können nicht draußen gemeinsam essen, deshalb ziehen wir das Bergpanorama in einem Biergarten vor. Ein kleiner Bummel durch den Ort, den wir sehr liebgewonnen haben und um den es nicht halb den Rummel wie um Banff gibt (gut, dafür gibt es hier auch kein Luxushotel usw), in ein zwei Läden und dann zum Grizzly Paw, einen Pub. Das Essen schmeckt, herausragend ist allerdings der Bohnenmus-Brokkoli-Teller mit Chimchurri-Soße und Haselnüssen. Noch ein Abstecher in den Supermarkt und wir sind mit einem wunderbaren Abendhimmel samt Bergsilhouetten auf dem Heimweg.

Und wir mittendrin

Donnerstag, 16. Juli 2026

Lake Morain

Der Wecker geht um 7 Uhr, frühes Frühstück, schnell duschen, um 8.45 Uhr fahren wir nach Banff. Die beiden ganz großen Sehenswürdigkeiten der Region, Lake Louise und Lake Morain, stehen auf dem Programm. Dabei wissen wir schon vorher, worauf wir uns einlassen: Menschenmassen. Die Nachfrage nach den beiden Seen ist in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass zu dem einen gar keine Privatfahrzeuge mehr fahren dürfen, am anderen werden 75 Prozent der Privatautos abgewiesen. Das teilen die Nationalparks auch so auf ihrer Website mit. Man kann mit Shuttles hinfahren, die im März freigeschalten wurden und nach einem Tag ausgebucht waren. Im Mai wurden dann die Busse des öffentlichen Nahverkehrs für die Busse freigegeben - und waren nach einer Stunde (!) ausgebucht.

Die Reiseleitung hat lange gestöbert und dann kurzfristig bei einem Anbieter noch ein - nennen wir es - einigermaßen angemessenes Angebot gefunden. Allerdings sollte die Tour satte sechs Stunden dauern, mit Fotostopps an anderen Stellen. Dabei war sie aber immernoch günstiger und kürzer als andere.

9.45 Uhr soll es am Bahnhof losgehen. Diesmal haben wir sogar einen Parkplatz gefunden und staunen über den sauberen, gewärmten, aufgeräumten Bahnhofssaal mit Café und ordentlichen Toiletten. Etwas Verwirrung gibt es kurzzeitig darum, in welchen der vielen Busse wir steigen sollen. Kilian taucht tief in die Bestätigungsmail ein und findet "Banff Express", der Inder von Bus 1 freut sich, dass er doch nicht Nicole und Familie an einem Hotel abholen muss - bis der Inder von Bus 2 vor uns steht und mitnimmt.

Der junge Mann ist freundlich und schweigsam, spricht während der gesamten Fahrt kein Wort und Fotostopps sind auch nicht. Dafür brausen wir durch zum Lake Louise (45 Minuten Fahrt) und haben dort eine Stunde Aufenthalt - was natürlich viel zu wenig ist. Schon bei der Einfahrt in das Gebiet blinkt es, überall stehen Schilder. Der eine Parkplatz ist voll, der andere sowieso gesperrt und die Shuttles für heute sind auch ausgebucht. Der See ist nur ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt, Hat man erst einmal die Wand an Mit-Touristen überwunden - an dieser Stelle keine Kritik, wir sind ja Teil des Wahnsinns - sieht man einen zauberhaft türkis glitzernden See, auf dem rote Kanus unterwegs sind, dahinter hohe Bergwände. Daneben eines dieser Pacific-Railway-Luxushotels, nur an eine Besichtigung ist hier nicht nur aus Zeitknappheit nicht zu denken. Betreten verboten.

Wir laufen ein Stück am Ufer entlang, picknicken im Stehen und haben viel zu schauen. Eine indische Gruppe pumpt gerade ein eigenes Kanu auf, ein Teenager versucht sich hinter einem Handtuch zum Schwimmen umzuziehen, auf einer Bank wird ein Nickerchen gehalten ... Hier sind alle Nationen versammelt und alle eint ein Ziel: Ein schönes Foto zu bekommen.

Die Zeit vergeht natürlich viel zu schnell und schon sind wir wieder 45 Minuten unterwegs zum Lake Moraine. Der Fahrer mahnt noch kurz: Unbedingt zum Rockpile Trail, also einen kleinen Hügel hoch, wegen der Sicht. Machen wir natürlich. Und nicht nur wir. Die Massen sind unterwegs zum beliebtesten Aussichtspunkt Kanadas, wie es irgendwo im Netz heißt. Und auch wenn es unregelmäßige Steintreppen sind quälen sich Menschen mit Krücken hoch und kleine Kinder stolpern vor sich hin. Wobei man eigentlich kaum fallen kann, da steht ja überall jemand.

Der See hat selbstverständlich ein so wunderschönes Blau, dass man das alles erstmal gut ausblenden kann. Wir genießen den Blick, dann zieht es drei auf die Toiletten und einen zum Café. Die Kloschlange ist beachtlich und der Gestank in den Kabinen nahezu unerträglich. Kilian steht eine halbe Stunde für Eiskaffee, Kaffee, Chai Latte und eine Hotdog an, Louisa hält die Stellung mit Rucksäcken, Gerald und Nicole huschen für fünf Minuten zum Seeufer - und schon ist die Stunde wieder um.

Goldmantelziesel

Zurück geht die Fahrt, vorbei an einem liegengebliebenen Bus eines anderen Anbieters. Und wir sind schon nach gut vier Stunden zurück, worüber wir überhaupt nicht böse sind. (Kein Vergleich zur Tour auf Fraser Island in Australien, mit zahlreichen Stopps, einem Fahrer, der durchgeplaudert hat und wir über 12 Stunden unterwegs waren.)

Nach Banff wollen wir aber nicht mehr rein, für heute genug Menschen gesehen. Wir sind schon fast auf dem Weg zur Ferienwohnung, als Gerald an der Ampel nicht abbiegt, sondern geradeaus fährt: Kurzfristig geht es zum Mount Norquay. Während es in Banff die überfüllte Seilbahn auf den Sulphur Mountain gibt, bietet hier ein Sessellift Blicke über die Rocky Mountains. Wir wollen nur mal sehen, wie viel hier los ist und stellen fest: Quasi nichts. Also fahren wir mit dem Sessellift nach oben und genießen die Aussicht. Viel mehr geht auch nicht: An den Hängen führen die Wildtierkorridore vorbei, weswegen das Wandern nicht erlaubt ist. Die Ruhe ist dennoch herrlich, die Sicht auch.

Dickhornschafe

Danach geht es in die Ferienwohnung, Kühlschrankreste essen. Wir räumen das Auto schonmal leer und packen die Koffer vor. Abends nochmal über den Boardwalk in Canmore, diesmal in ein Taco-Restaurant und im Abendlicht zurück. Morgen geht wieder früh der Wecker.

Das Ludwigshafen von Kanada

Freitag, 17. Juli 2026

Ein Wecker war gestellt, ist aber garnicht nötig: Der Gärtner ist da und mäht und trimmt den kleinen Innenbereich, in dem viele angekettete Grills stehen. Dort darf auf keinen Fall Müll gelagert werden, sonst kommt der Bär, heißt es auf Ausdrucken mit Beweisfotos.

Um 9.30 Uhr sind wir unterwegs gen Calgary. Für die Strecke benötigt man tatsächlich nur eine Stunde 15 Minuten, wir hätten also - rein theoretisch - auch direkt zum Flughafen fahren und fliegen können. Allerdings ist noch ein Tag in der Stadt eingeplant, die sich, so der Reiseführer, doch längst von einer Kuh-Stadt (Rodeo und so) zu einer coolen Location entwickelt hat. Oder besser: Entwickelt haben soll. Jetzt muss man sagen, dass es nach den Rocky Mountains jede Landschaft schwer hat, vor allem eine flache Ebene, auf die die Sonne knallt. Und Vancouver/Montreal/Quebec/Halifax haben die Latte auch wirklich hoch gelegt ...

Da wir weit vor dem Check-In-Termin am Hotel sind, laden wir nur die Koffer aus und peilen danach ein Café an. Dafür müssen wir weit fahren, denn das Best Western liegt außerhalb und was wie ein Park aussah, ist ein riesengroßer Friedhof für die vielen Glaubensgemeinschaften hier. Schon fällt auf: Der Verkehr ist der Wahnsinn, es gibt auch innerstädtisch vier, bzw achtspurige Straßen, aber die Gegend rund um das ausgewählte Café nahe des Bow River sieht grün aus. Die Bäckerei Alforno ist lecker und zurecht gut besucht. Danach gehen wir am Ufer des Bow River entlang, gegenüber ist eine kleine Insel, die wegen der Vorbereitungen auf ein Event gerade kaum zu betreten ist. Alles sehr grün, viele Sitzgelegenheiten, zahlreiche Jogger. Der Weg führt uns durch Chinatown - hier sehr groß und im echten Leben, dafür weniger pittoresk - und wieder zurück, vorbei an einem Latino-Festival und kühlen Dunstwolken, die bei der Hitze erfrischen sollen.

Danach geht es zu Crumbl, das ist eine Cookie-Bäckerei-Kette aus Kanada. Louisa hat versprochen, frische Kekse mit nach Deutschland zu bringen und das ist ganz ganz dringend ... Bis zum Gewerbegebiet am anderen Ende der Stadt fahren wir viele Kilometer auf sehr breiten Straßen. Bei Crumbl steht dann tatsächlich eine Schlange an jungen Frauen an. Und endlich ist es geschafft und vier Cookies warten darauf, erst gekühlt zu werden und danach im Handgepäck bugsiert zu werden.

Zurück zum Hotel, Päuschen, um 15 Uhr fahren wir gen Flughafen. Es beginnt eine ... durchwachsene Phase des Tages. Wir geraten erst in dicken Berufsverkehr, danach müssen wir nach vielen Jahren zum ersten Mal einen Schaden bezahlen, einen Riss in der Windschutzscheibe. Zu dem Thema hat vor allem der junge Erwachsene ganz viel Meinung. Zähneknirschend zahlen wir und müssen jetzt darauf setzen, dass die deutsche Mietwagenfirma den Betrag erstattet.

Irgendwann ist das unschöne Kapitel beendet. Kilian bucht über den Dienst Lyft einen Wagen und wir haben zum ersten Mal eine Fahrerin! Elene hat in ihrem Taxi gesunde Snacks gebunkert, ist ausgesprochen gepflegt und liebt ihre zweite Heimatstadt Calgary mit Leib und Seele. Die Eltern der gebürtigen Äthiopierin kommen ihre Tochter zwar gerne besuchen, wollen aber nicht hierher ziehen: Zu kalt und außerdem wollen sie lieber zu Orten laufen, als mit dem Auto fahren. Tztztz. Sie lacht: Als sie vor 25 Jahren hier ankam, stand noch keines der Hochhäuser, die jetzt den Aussichtsturm bei weitem übertragen. Sie setzt uns am Calgary-Tower ab und wir fahren nach oben. Der Blick bestätigt das Bild, das wir unten schon von der Stadt hatten: Viel Hochhaus, viel Straße, kein Meer, nur ein sehr schmaler Fluss, viel Ebene, in der Ferne verstecken sich die Rocky Mountains heute unter den Wolken. Der Glasboden ist natürlich faszinierend, ebenso, dass auf dem Turm weiterhin bei allen Olympischen Spielen eine große Fackel brennt.

Wir gehen durch die Stephen Avenue, mit schicken Restaurants, historischen Gebäuden, aber auch viel Elend. Die Polizei patroulliert. Es gibt einen kleinen Imbiss von Mc Donalds, den wir einige Straßen weiter verzehren, gegenüber der Börse. Dann machen wir uns auf einen weiten Fußweg - eine Idee, auf die wohl nur Europäer kommen können - Richtung Stadtteil Bridgeland. Kilian und Gerald können Calgary so überhaupt gar nichts abgewinnen, Louisa versucht es wie ihre Mutter mit einem sonnigeren Blick: Es gibt doch schöne Ecken hier, eigentlich ein bisschen wie Ludwigshafen. Das ist sehr treffend.

Nachdem wir den Bow River überquert und die Innenstadt hinter uns gelassen haben, sind wir in Bridgeland gelandet, einer komplett anderen Welt. Ein großer, sehr aufgeräumter Park mit Spielgeräten und (zumindest auf den ersten Blick) ohne Drogenabhängige. Straßenzügen mit kleinen Restaurants. Wir setzen uns leicht ermattet vor den Bridgeland Market und beobachten wohlhabende Paare, die zu dem hochpreisigen Laden spazieren, dort einkaufen und dort ihre stets gut gekämmten Hunde vor der Tür anbinden.

Abendessen gibt es im japanischen Ikusa. Die Ventilatoren wehen uns fast weg, die kleinen Speisen sind sehr authentisch, der Laden knallvoll. Draußen sitzen wir noch kurz in der Abendwärme auf einem kleinen Platz mit Tischkicker, Tischen und Stühlen. Wäre unser Hotel in diesem Stadtteil, hätten wir sicher eine andere Meinung von Calgary. Aber so fährt uns Fahrer Adam wieder Richtung Friedhof. Auch Adam ist ein begeisterter Bewohner der Stadt, hatte erst in Großbritannien gelebt, war in Frankreich und den Niederlanden, dann hatte es ihn nach Toronto verschlagen, dort hat er geheiratet. Aber warum jetzt Calgary??? Er strahlt: In Toronto war es eher düster und drückend, hier scheint viel mehr die Sonne, auch im Winter blauer Himmel, das ist nicht so depremierend.

Dann lassen wir das Mal so stehen. Aus unserem Hotelzimmer sehen wir den Himmel übrigens nicht: Wir schauen auf eine Wand. Dafür geht das Zimmer nicht zur vielspurigen Straße.

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